Forte di Fenestrelle

( Festung Fenestrelle )

Die Festung Fenestrelle (italienisch Fortezza di Fenestrelle oder Forte di Fenestrelle) ist die größte Festungsanlage Europas und nach der chinesischen Mauer das nächstgrößte Mauerwerk. Sie besteht aus den drei Festungen San Carlo, Tre Denti und Delle Valli, die miteinander durch einen Tunnel verbunden sind, in dem die längste gedeckte Treppe Europas mit fast 4000 Stufen verläuft.

Bis 1882  Fort Mutin (Detail des Modells von 1757). Fenestrelle (Modell von 1757).

Die Geschichte der Bastionen auf dem Territorium von Fenestrelle begann 1690, als Ludwig XIV. General Nicolas de Catinat mit der Führung seiner Armee im Feldzug gegen das Herzogtum Savoyen im Neunjährigen Krieg beauftragte.[1] General Catinat war bald klar, dass das Chisonetal und insbesondere die Talenge bei Fenestrelle für die französische Armee ein schweres Hindernis darstellen könnte. Deshalb beantragte er den Bau von drei kleineren Festungen und einer großen. 1692 ordnete der Sonnenkönig den Bau der noch kleinen Vorgängerversion des späteren Fort Tre Denti an. 1694, wiederum auf Anraten Catinats, gab der König von Frankreich die Anweisung, mit dem Bau des beeindruckenden Fort Mutins zu beginnen, um mit diesem die Grenze zum Herzogtum Savoyen abzusichern.[2] Diese Festungsanlage wurde 1705 vollendet und spielte im Spanischen Erbfolgekrieg, in dem sich Franzosen und Savoyer bekriegten, eine Rolle. Im Verlaufe dieses Konfliktes eroberten im August 1708 die Truppen von Viktor Amadeus II. Fort Mutin und das Hochtal nach einer vierzehntägigen Belagerung.

Der Vertrag von Utrecht besiegelte 1713 diese Sachlage durch Festlegung der Grenze zwischen Frankreich und dem Herzogtum Savoyen (aus dem 1720 das Königreich Sardinien hervorging) entlang der Alpenwasserscheide Dora-Durance, wodurch das Susatal und das Chisonetal Savoyen zugesprochen wurden.

Viktor Amadeus II. hielt Fort Mutin auf der rechten Talseite für unzulänglich und beauftragte deshalb den Architekten und Militäringenieur Ignazio Bertola mit der Planung eines ganzen Komplexes von Befestigungsanlagen unter Einbeziehung von Fort Mutin (das nach dem Vertrag von Utrecht restauriert wurde) und anderer französischer Befestigungsanlagen zum Schutze der Turiner Ebene vor eventuellen französischen Invasionsversuchen durch das Chisonetal. Die entsprechenden Pläne wurden im Oktober 1727 vorgelegt und die Bauarbeiten begannen im Sommer 1728 und dauerten letzten Endes bis 1850 mit einer längeren Unterbrechung zwischen 1793 und 1836.

Bei der Planung der Befestigungsanlagen und der Leitung der Baumaßnahmen folgten auf Ignazio Bertola verschiedene andere Militäringenieure und Architekten, unter denen zu erwähnen sind: Vittorio Amedeo Varino de La Marche, Lorenzo Bernardino Pinto (ein Schüler Bertolas, der auch die Bauarbeiten von Fort Exilles leitete), Nicolis Robilant und Carlo Andrea Rana. Viktor Amadeus II., der nach Anschluss des Königreichs Sardinien an das Herzogtum Savoyen 1720 zum König von Sardinien ausgerufen worden war, sah während seiner Regierungszeit lediglich die teilweise Verwirklichung der Festungsanlagen, deren Bau er angeordnet hatte, da er 1730 zu Gunsten seines Sohnes Karl Emanuel III. abdankte, dem er die Fortsetzung der Bauarbeiten nahelegte.

Der ursprüngliche Plan von Bertola sah eine Erstreckung über die gesamte linke Seite des Tals vor, die Arbeiten begannen aber am oberen Ende, am Monte Pinaia, zumal der Talboden durch das wiederinstandgesetzte Fort Mutin geschützt war.[2] Man begann mit der Erbauung der Reduits dell'Elmo, Sant'Antonio und Belvedere, die durch Gräben getrennt und mit Brücken verbunden das Forte delle Valli bildeten. In der Folge kam es zur Verbindung mit dem Talboden unter Einbeziehung eines bereits existierenden französischen Reduits, Forte Tre Denti durch die Erbauung des Forte San Carlo 1731. Die verschiedenen Teile der Anlage wurden durch die Strada dei Cannoni von Fenestrelle bis zum Forte delle Valli und die Scala coperta mit 3966 Stufen an der linken Talseite von der piazza d’armi des Forte San Carlo zu den Reduits des Forte delle Valli erzielt. Um den Talboden vor feindlichen Angriffen zu schützen, ersetzte zwischen 1836 und 1850 das Reduit Carlo Alberto das obsolete und einsturzgefährdete Fort Mutin.[3]

Nach der Einigung Italiens zwischen 1874 und 1896 wurde die Festung letztmals aufgerüstet und modernisiert. Die Reduits des Forte San Carlo wurden in Kasematten umgebaut um die neuen Kanonen mit gezogenem Lauf 12 GRC/Ret und 15 GRC/Ret aufzunehmen.[4]

Ab 1882 mit dem Beitritt Italiens zum Dreibund, wurden die Gebiete von Fenestrelle und Assietta durch weitere Vorposten militärisch aufgerüstet, darunter Forte Serre Marie, Batteria del Gran Serin un hinter dem Colle delle Finestre, das gleichnamige fortino und die Wachstube Falouel, die wegen seiner würfelförmigen Form il Dado (Spielwürfel) genannt wurde.[5]

Ab 1887  Inschrift im Innern der Festung

Von 1887 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war die Festung Garnison eines Gebirgsjäger-Bataillons des 3. Alpini-Regiments. Ein kleines Museum mit Erinnerungsstücken an diese Soldaten ist bei freiem Eintritt im Inneren der Festung zu besichtigen. Mit dem Aufkommen des Faschismus wurde die Anlage neuerlich als Gefängnis für politische Gefangene genutzt, die dem Regime feindlich gegenüberstanden oder nicht kollaborierten. Der Geist jener Zeit ist aus der Inschrift „Ognuno vale non in quanto è, ma in quanto produce“ (etwa „Jeder ist nicht soviel wert, wie er ist, sondern wieviel er leistet“) zu erkennen ist, die sich in einer der Schreibstuben fand.

Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Festung ihre einzige wirkliche Militäraktion, als im Juli 1944 die Ostseite des Reduits Carlo Alberto von Partisanen der Division Adolfo Serafino gesprengt wurde, um den Vormarsch deutscher Truppen gegen die Partisanen in den Alpentälern zu behindern.[6]

1946, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, trennte sich das italienische Heer komplett von der Anlage, die aus militärischer Sicht wertlos geworden war. Die Festung wurde verlassen, durch Unwetter und Plünderung abgetragen. Im Laufe der Jahre wurde alles entfernt, was getragen werden konnte: Fenster und Türen, sogar die Deckenbalken der Kasernen. Seit 1990 wird die Anlage von einer Gruppe von Ehrenamtlichen wieder instand gesetzt. Es werden Führungen, Theater- und Kulturveranstaltungen angeboten. 1992 wurde vom Staatsforst und vom Ministerium für öffentliche Arbeiten ein Generalprojekt der Wiederinstandsetzung durch die Architektin Donatella D’Angelo gestartet.

Dreimal Gefängnis

Neben ihrer militärischen Funktion war die Festung dreimal Haftanstalt, zuerst für gewöhnliche Verbrecher, dann Staatsgefängnis und zuletzt Zuchthaus.

Das gewöhnliche Gefängnis

In einigen wenigen Fällen wurden gewöhnliche Verbrecher aus der Umgebung untergebracht. In besonderen Fällen auch aus einem größeren Umkreis, zwar unter den gleichen Bedingungen, aber unter ziviler und nicht militärischer Gerichtsbarkeit. Der kampanische Historiker Giacinto de' Sivo behauptete, dass in der napoleonischen Zeit auch Zivilisten aus Süditalien unter der Anklage der Briganterie in der Festung festgesetzt worden waren.[7]

Das Staatsgefängnis

Das Staatsgefängnis diente der Inhaftierung von verurteilten Offizieren und Oppositionellen – Klerikern und Laien. In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts vor allem bourbonischer Prälaten, Oppositionellen gegen Napoleon, auch von Offizieren, die den Ideen Giuseppe Mazzinis anhingen. 1850 wurde Monsignore Luigi Fransoni, Erzbischof von Turin wegen seiner oppositionellen Rolle festgesetzt.

In Einzelfällen wurden sogenannte liederliche Minderjährige auf Betreiben der Eltern festgehalten, die sich Verbrechen schuldig gemacht oder ihre adeligen oder vermögenden Eltern enttäuscht hatten. Sie unterliefen einer Behandlung, ähnlich der in einer Kadettenanstalt. Jeder Gefangene hatte ein privates Zimmer, selten mehrere, mit Kamin und Mobiliar. Während der Napoleonischen Zeit musste jeder Gefangene auf eigene Kosten leben, unter den Savoyern auf Kosten des Staates.

In der faschistischen Zeit wurde die Festung auch als Verbannungsort genutzt.

Das Zuchthaus  Gedenktafel, die zu Ehren der Opfer des Königreichs beider Sizilien im Inneren der Festung aufgestellt war und im August 2013 mutwillig zerstört wurde.
Übersetzung der Inschrift:
Zwischen 1860 und 1861 wurden in der Festung Fenestrelle Tausende von Soldaten der Armee der beiden Sizilien festgehalten, die sich geweigert hatten, ihren König und ihr ehemaliges Vaterland zu verleugnen. Wenige kehrten nach Hause zurück. Die meisten starben an Hunger. Die wenigen, die dies wissen, verneigen sich.

Das Zuchthaus war auch ein Militärgefängnis, in dem neben Soldaten, die Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten begangen hatten, Soldaten der Armeen eingesperrt wurden, deren Staaten vor der Errichtung des Königreichs Italien vom Königreich Sardinien angegriffen worden waren und danach, während des Risorgimento und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts insbesondere Österreicher und Italiener aus den Gebieten, die vor der Herstellung der Einheit Italiens unter anderer Hoheit standen und die während der Italienischen Unabhängigkeitskriege gekämpft hatten, Angehörige der aufgelösten Armee beider Sizilien, die während der Kriege zur Eingliederung Süditaliens gefangen genommen worden waren, sechs Gefolgsleute Garibaldis nach dessen gescheitertem Versuch, den Kirchenstaat zu besetzen, 462 Soldaten der Armee des Kirchenstaats nach der Einnahme Roms, österreichisch-ungarische Militärangehörige während des Ersten Weltkriegs. Die Häftlinge des Straflagers wurden in Gemeinschaftsschlafhallen eingesperrt.

Insbesondere in der Dekade von 1860 bis 1870 wurden ungefähr 24.000 Militärangehörige des Königreichs beider Sizilien, die gegen die Eroberung und anschließende Einverleibung der beiden Sizilien in das neu entstandene Königreich Italien waren, in die Festung deportiert. Es wurden zwar vor allem bourbonische Soldaten gefangen gehalten, aber auch zahlreiche Bauern. Die Gefangenen wurden unter den schlimmsten Bedingungen gehalten: „Mit zerlumpter Kleidung und kaum etwas zu essen sah man sie häufig, wie sie sich an die Mauern lehnten und verzweifelt versuchten, von den schwachen Sonnenstrahlen im Winter etwas abzubekommen, vielleicht in nostalgischer Erinnerung an die Wärme in anderen mediterranen Klimazonen.“ „Keine Strohsäcke, keine Decken, kein Licht, an Orten, an denen die Temperatur fast immer unter Null war, wurden Fenster und Türen herausgenommen, um die Abgesonderten durch Kälte umzuerziehen.“

Die Revolte

Am 22. August 1861 versuchten die Eingeschlossenen durch eine Revolte die Kontrolle über die Festung zu übernehmen. Der Aufstand wurde mühelos von der piemontesischen Obrigkeit niedergeschlagen. Die Folge davon war eine Strafverschärfung (die meisten wurden mit Kugeln von 16 kg an den Füßen, Fesseln und Ketten festgehalten). Ganz selten wurden Gefangene durch Freispruch und Straferlass freigelassen. Die Leichname der Toten wurden einfach in einen großen Behälter hinter der Kirche (die sich am Eingang der Festung erhob) geworfen: „ein Tod ohne Ehre, ohne Gräber, ohne Grabsteine und ohne Gedenken, damit von den Gräueln keine Spuren bleiben würden.“

Weibliche Gefangene

In der gesamten Geschichte der Festung waren es nur drei Frauen, die im Staatsgefängnis einsaßen: Die Piemontesische Marchesa Polissena Gamba Turinetti di Priero und ihre Tochter Clementina als Gegenspielerinnen von Napoleon wurden getrennt von den Männern in eigenen Räumen im Gebäude der Offiziere festgehalten. 1864 wurde Maria Oliverio, genannt Ciccilla, wegen Briganterie zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt, die sie 15 Jahre lang, bis zu ihrem Tod verbüßte.

Riccardo Chiarle: La fortezza di Fenestrelle. 2006, S. 36–40. ↑ a b Mauro Minola: Fortezze del Piemonte e Valle d'Aosta. Susalibri, S. 127. Forte di Fenestrelle, la Grande Muraglia Piemontese. Il Punto, Turin 2009, ISBN 978-88-86425-93-3, S. 33–34, 61. Mauro Minola: Fortezze del Piemonte e Valle d'Aosta. 2. Auflage. Susalibri, 2012, S. 128. Forte di Fenestrelle, la Grande Muraglia Piemontese. Il Punto, Turin 2009, ISBN 978-88-86425-93-3, S. 22. Referenzfehler: Ungültiges <ref>-Tag; kein Text angegeben für Einzelnachweis mit dem Namen :2. Giacinto de' Sivo; Storia delle Due Sicilie, dal 1847 al 1861; online@1@2Vorlage:Toter Link/books.google.it (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche in Webarchiven)  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Rom 1863, S. 46.
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